Über Bibel, Glaube und den FCN

Im Juni saß ich gerade an meinem Schreibtisch. Der 1. FC Nürnberg war kurz zuvor auf den 16. Tabellenplatz abgerutscht und die dauernd dürftigen Leistungen des Teams verhießen in Sachen Klassenerhalt nichts Gutes… Da ploppte eine neue E-Mail in meinem Postfach auf. Der Absender: Pfarrer Gerhard Metzger aus meiner Heimatgemeinde Altensittenbach. - Der Inhalt: Überraschend und ungewöhnlich… Er bat mich um meine Meinung als Pfarrer und Clubfan zu zwei Psalm-Übertragungen, die er verfasst hatte – Psalm 137 und Psalm 126 als FCN-Klagepsalmen mit Blick auf einen möglichen Abstieg in die 3. Liga. (1.
Ich gebe zu: Im ersten Moment war ich skeptisch. Bibeltexte so zu verfremden, dass sie auf eine aktuelle Situation passen, ist nicht einfach; den richtigen Ton zu treffen und weder den  ursprünglichen Psalm noch die Gefühle heutiger Leser auf den Arm zu nehmen, ist eine hohe Kunst.
Nachdem ich die beiden FCN-Psalmen aber gelesen hatte, war ich begeistert. Absolut gelungen und lesenswert!! Da hat ein echter Kenner der Bibel und des Fußballs geschrieben.
Diese Psalm-Übertragungen haben mir einmal mehr gezeigt, wie nah die Motive biblischer Texte oft an unserer heutigen Lebenswirklichkeit sind. Wer genau hinschaut und hinhört, entdeckt, wie sich die jahrtausendealten Texte der Bibel in Beziehung zu unserem Leben setzen lassen. Gott nimmt sie in Dienst, um uns in unserer Zeit etwas sagen; um in unser Leben hineinzusprechen, so wie wir es gerade brauchen.
In der Coronakrise ist mir das öfter so gegangen. Manche Bibelverse oder auch Zeilen aus alten Chorälen unseres Gesangbuchs habe ich angesichts der außergewöhnlichen Lebenssituation in diesem Jahr ganz neu gehört: Vertraute Worte (oft gehört, gelesen, gesungen) haben sich mit Leben gefüllt und sind ganz aktuell geworden.
Während unserer Gebetsinitiative „Beten Dahoam“ zu Zeiten des Lockdowns habe ich zum Beispiel immer wieder auch zu Psalm 46 gegriffen: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht (…) Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! (...) Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.“  Jahrtausende alte Worte – und doch so aktuell. Vor rund 500 Jahren für Martin Luther Inspiration für sein Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“… und im Jahr 2020 Worte, in die ich meine eigenen Gedanken, Gefühle, Sorgen und Ängste während Corona hinlegen kann. Worte, durch die mir Trost und Mut von Gott her zukommen.
Auch ein (mittlerweile ehemaliger) Spieler des 1.FC Nürnberg hat solche Erfahrungen mit der Bibel gemacht. In einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten vom 12. April (2 erzählt Stürmer Mikael Ishak davon:
NN: Sie haben zum Aufstieg 2018 zwölf Tore, allein drei gegen Duisburg, beigetragen und in der Bundesliga vier Treffer erzielt. Was wird besonders in Erinnerung bleiben aus Ihrer Zeit in Nürnberg?
Ishak: Die absolute Nummer eins für mich ist, dass ich hier zum Glauben an Jesus gefunden habe. Ich bin mit Enrico Valentini (...) in einer Gemeinde, in der wir Gottes Wort lesen und über Gottes Wort reden. Da hat sich das für mich entwickelt.
An Nummer zwei steht, dass mein Sohn hier geboren wurde. Und an Nummer drei das Spiel in Sandhausen, als wir aufgestiegen sind. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so viel geheult habe nach einem Fußballspiel.

Sehr interessant: Den sportlichen Erfolg nennt er erst an dritter Stelle. Die Geburt seines Sohnes und die Begegnung mit Jesus sowie die Beschäftigung mit der Bibel haben Mikael Ishaks Zeit in Nürnberg viel stärker geprägt. Seine Zeit in Nürnberg hat dadurch nicht nur sportlich in seinem Leben Spuren hinterlassen.
Hören und Schauen auch Sie immer wieder genau hin, wenn Ihnen ein Bibelvers begegnet oder Ihnen eine Liedzeile aus dem Gesangbuch im Kopf rumgeht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder entdecken, wie diese Worte in Ihrem Leben zum Tragen kommen.
Inzwischen wissen wir: 30 Minuten lang mussten die Clubfans beim Relegations- Rückspiel in Ingolstadt tatsächlich schon Klagepsalmen anstimmen, bevor kurz vor Schluss dann doch noch das „erlösende“ (!) Tor gefallen ist.
Wer genau hingeschaut hat, konnte nach dem Schlusspfiff Mikael Ishak und Enrico Valentini auf dem Rasen sitzen sehen, wie sie die Köpfe zusammengesteckt und sich umarmt haben… sicher haben sie ähnlich viel geheult wie 2018 in Sandhausen; ich vermute, sie haben auch gebetet und Gott gedankt, dass es endlich vorbei ist…
Vielleicht wäre eine FCN-Version von einem Lob- oder Dankpsalm für solche Momente auch einmal eine gute Idee.

Ihr Pfarrer Mario Ertel